Serial hat im Herbst 2014 einen riesigen Knall in den USA ausgelöst und die Podcast Szene dort, aber auch in Deutschland in den Fokus der breiteren Öffentlichkeit gerückt. Zum ersten Mal wurde ich von Freunden und Bekannten nach „Podcasts“ ausgefragt und viele entdeckten zum ersten Mal Podcast Apps auf ihren Smartphones.

Der Podcast erzählt den wahren Fall von Hae Min Lee, einer High School Schülerin die im Januar 1999 in Baltimore getötet und vergraben wird. Hauptsächlich aufgrund der Aussage eines Freundes, der mit dem angeblichen Haupttäter Adnan Syed die Leiche vergraben haben will, wird dieser ein Jahr später zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Bis heute beteuert Adnan Syed seine Unschuld.

Serial stellt den Zuhörern in 9 zwischen 27 – 55 Minuten langen Folgen den Fall in aller Ausführlichkeit dar, bereitet Zeugenaussagen von damals auf, befragt Freunde, Bekannte und Kriminalexperten und versucht Zusammenhänge und Örtlichkeiten neu zu verstehen.

Eben diese Mischung – ein wahrer Fall, sehr gut aufbereitet, recherchierte und abgemischte Sendungen sowie ein von den Redakteuren clever aufgezogener Spannungsbogen bescherten Serial eine große Fangemeinde, eine bis heute aktive und Spuren suchende Reddit Community und der gesamten Podcast Szene einen riesigen Hype.

Bislang gab es – soweit ich das nachvollziehen konnte – keinen ähnlichen „seriellen“ Podcast oder Radiosendung, die sich über mehrere Sendungen / Folgen einem einzigen, wahren Verbrechen widmet. Nun sind mit NDR 2 – Täter unbekannt und Wer hat Burak erschossen? gleich zwei ähnliche deutsche Podcast Formate gestartet.

NDR 2 – Täter unbekannt

Der Norddeutsche Rundfunk stellt in Täter unbekannt den Fall Inka Köntges vor, die im August 2000 in Hannover auf dem Weg zur Arbeit verschwand.

Seit Anfang 2015 recherchieren die beiden NDR 2 Autoren Anouk Schollähn und Thomas Ziegler in diesem Vermisstenfall und lassen Freunde, Bekannte, Zeugen und (ehemalige) Polizisten zu Wort kommen.

Täter unbekannt hat tatsächlich von den beiden hier vorgestellten Podcasts die stärkste Ähnlichkeit zu Serial. Die Folgen sind ebenfalls auf den Punkt perfekt abgemischt, mit einem passenden Musikbett und klingen dank hoher Soundqualität wirklich sehr hochwertig. Auch die Tatsache, dass eine Sprecherin durch die Folgen leitet lassen sofort Assoziationen zu Serial aufkommen.

Wer hat Burak erschossen?

Journalist und Schriftsteller Philip Meinhold beschäftigt sich bereits seit einem Jahr im Auftrag des RBB mit dem Mord an Burak B. beschäftigt, der im April 2012 auf offener Straße neben seinen Freunden von einem unbekannten Täter erschossen wird.

Wer hat Burak erschossen? nutzt weniger Stilelemente wie dramatische Hintergrundmusik als Täter unbekannt, sondern lebt vor allem von den vielen Interviews und Ortsbegehungen mit Freunden und Bekannten. Die Recherche von Meinhold für diese neunwöchige Serie ist noch nicht abgeschlossen und kann sich somit durch aktuelle Ereignissen und womöglich neu auftauchenden Zeugen / Beweisen wöchentlich verändern. Auch die unabhängig dazu entstandene Webdoku ist sehenswert.


Beide Serien kommen in Sachen Spannung und Schnitt sehr nahe an ihr Vorbild Serial heran, ein sehr großes Kompliment. Als angenehm empfinde ich die Tatsache, dass beide Podcasts (jedenfalls bislang) noch keine eindeutige Tendenz oder persönliche Meinung des Autors durchblicken lassen, was ja auch daran liegt, dass noch keiner für diese Verbrechen verurteilt wurde. Dies hat mich auch an manchen Stellen bei Serial gestört, da die Autorin Sarah Koenig ihre Sympathie nicht verstecken konnte und ein ums andere Mal eindeutig eine zu subjektive Meinung vertrat.

Insgesamt eine große Empfehlung für beide von mir vorgestellten deutschen Podcasts – und wer es nicht sowieso schon gehört hat – natürlich auch für Serial.